Kapitel 1b – Jorii
vom 24. November 2002 um 15:26 von Markus Slobodeaniuk
Der Morgen zeigte sich über der Insel im weiten Meer. Die Sonne begann am Horizont zu klettern, Seevögel schrien von Ferne und das Meer rauschte am Strand und den Klippen.
Ein Morgen wie unzählige davor und unzählige danach. Der Wind trug den Duft des Meeres auf das Land. Eine grüne Wiese mit Blumen löste den gelben Sand des Strandes ab, dann stieg der Boden an und ausgetretene Pfaden wanden sich zwischen Wiesen und kleinen Wäldern hinauf auf eine Anhöhe. Hier stand im Schatten von einigen Palmen eine kleine Hütte.
Obwohl es früh am Morgen war, der Wind eine kühle Brise vom Meer brachte, fühlte sich Jorii wohl. Die Kühle des Morgens war schon fast mit der Wärme des Mittags in seiner Heimat vergleichbar. Jorii genoss das Heraufdämmern des Tages. In den letzten Wochen war er immer früh aufgestanden und hatte während der heißen Zeit am Mittag unter den Bäumen ein kleines Schläfchen gehalten.
Jorii sah hinaus auf die See. Von dem Platz vor seiner Hütte konnte er die gesamte Insel übersehen. Wenn er um die Hütte herumging und aufs Meer hinausblickte, so sah er in allen Richtungen nur Wasser, soweit die Augen reichten. Bis zum Horizont gab es kein anderes Land und in den Wochen hier war auch nie ein Schiff aufgetaucht.
Seine einzige Abwechselung war das Auftauchen einer Kranga gewesen. Jorii hatte diese riesige Qualle nur zufällig bemerkt und ihr fasziniert zugesehen wie sie in weiter Ferne an der Insel vorbeischwamm. Nie in seinem Leben war Jorii zuvor einem dieser Wesen begegnet. Das Volk der Kranga war friedlich und half zahlreichen Völkern beim Fischen, doch sie achteten auch auf die Erhaltung des Meeres. Allein wegen ihrer Größe und Beweglichkeit im Wasser brachte man ihnen Respekt entgegen, an Kampf gegen diese Riesen der Meer wäre ohnehin niemals zu denken gewesen.
Jorii verließ den Platz vor seiner Hütte und wanderte auf einem Pfad hinein in ein kleines Wäldchen. Er war hungrig und die Sonne begann am Horizont zu steigen. Bald schon würde es sehr warm werden und Jorii mochte nicht in der Hitze des Tages nach Nahrung suchen.
Die Insel bot genügend Nahrung, Früchte, Pflanzen, Wurzeln und auch Produkte aus dem Meer, die an den Strand gespült worden, sorgten stets für einen reich gedeckten Tisch. Jorii hatte sich auch nie darum Sorgen gemacht zu verhungern, schließlich hatte ihn der Rat hierher geschickt, um seine Ausbildung zu beenden.
Jorii dachte an die vergangenen Jahre, als er zum ersten Mal das Leuchten seiner Hände festgestellt hatte, seine erste Reise ins GEONDEO und all die Stunden des Trainings. Nun war er auf dieser Insel angekommen, einer der Inseln, auf der die Schüler über ihr erworbenes Wissen und ihre neuen Fähigkeiten nachdenken sollten, bevor sie ihre Entscheidung trafen, ob sie sich der Gemeinschaft der Bewahrer des Geondeos anschließen wollten.
Jorii hatte keine Zweifel, dass er in die Gemeinschaft eintreten wollte, Zeit seines Lebens hatte er sich dies gewünscht. Wozu also darüber nachdenken, wieso musste er auf dieser Insel verweilen, wenn er sich doch schon immer sicher gewesen war. Fragen, auf die Jorii keine Antwort hatte, genauso wenig wie auf die Aufgabe, die man ihm gestellt hatte: erkenne den Sinn des Lebens.
So verging die Zeit, Tage reihten sich zu Wochen und Jorii verweilte auf dieser Insel. Bis hier hatte er immer jemanden gehabt, der ihm weitergeholfen hatte, seine Eltern, dann seine Lehrer in der Gemeinschaft der Bewahrer des Geondeos, sein Freund Fojks, immer war jemand da, der ihm den Weg gewiesen hatte, seine Ziele und Wünsche zu erreichen. Nun saß er auf dieser Insel und grübelte an all den vielen Fragen, während er genüsslich in eine saftige Frucht biss.
Der Saft der Polubafrucht tropfte durch Joriis Hände. Dunkelblaue Tropfen fielen zu Boden und Jorii spuckte einige der knallroten Kerne hinterher. Das blaue Fleisch der Frucht schmeckte süßlich und roch wie die Blüten des Baumes vor seinem Zimmer, damals, als er noch bei seinem Volk, den Wegos gelebt hatte. Wegos waren hochgewachsene, kriegerische Nomaden, die das Land Wegol durchstreiften.
Jorii schabte den letzten Rest des blauen Fruchtfleisches aus der dicken Schale der Polubafrucht und warf die Schale weg. Er ging hinunter zum Strand, um seine Hände von dem Saft zu reinigen. Das kühle Wasser umspielte die sechs Finger der beiden Hände und Jorii führt diese zusammen, um eine Schale zu bilden und etwas zu trinken. Er hätte die Schale der Polubafrucht doch mitnehmen sollen, dachte Jorii bei sich. Andererseits lagen genügend Schalen in seiner Hütte und das Wasser aus der Quelle vor seinem Haus war nicht salzig und auch kühl.
So beließ es Jorii bei den Tropfen, die seine Handinnenflächen halten konnten und wusch sich damit das Gesicht und schluckte den Rest mit seinem Nahrungsmund auf. Er öffnete die Lippen seiner Atemmünder ein wenig, sog den Duft des Meeres ein und blies sich damit die Hautfalten vor seinem Nahrungsmund trocken.
Jorii beschloss zurück zur Hütte zu kehren und sich in den Schatten zu setzen, die Sonne war bereits hoch geklettert.
Im Schatten der Palmen ließ sich Jorii nieder. Seine Gedanken begannen zu wandern und er wurde müde, teilweise von der reichlichen Mahlzeit, teilweise von der Wärme. Jorii versuchte sich wachzuhalten und über die Fragen an ihn nachzudenken: das Wissen, die Fähigkeiten, die Gemeinschaft, der Sinn, das Leben. Die Gedanken begannen zu verschwimmen und Jorii ließ den Kopf langsam nach hinten sinken.
Da durchzuckte ihn eine Stimme: "Komm zurück, Du musst Deine Ausbildung unterbrechen, etwas Großes ist geschehen und alle werden hier erwartet". Jorii kannte die Stimme, es waren die Gedanken von Fojks gewesen, seinem Freund aus der Gemeinschaft der Bewahrer des Geondeos. Fojks hatte sich oft mit ihm auf diese Weise verständigt und so zögerte Jorii keinen Augenblick. Wenn Fojks sagte "Komm zurück", dann kam Jorii zurück.
Während er den Pfad hinter seiner Hütte zu den Klippen entlang lief, freute sich Jorii. Endlich würde er die anderen wiedersehen, endlich musste er nicht mehr hier auf der Insel über sinnlose Fragen nachdenken. Es war etwas Großes geschehen – nun das versprach Abwechselung nach dieser langen Zeit der Eintönigkeit. Jorii erreicht die Klippen und blickte hinunter. Das Meer warf sich dort mit Wucht gegen die Felsen und bildete einen Strudel. Ein wilder Ort für einen Zugang, dachte Jorii und sprang hinunter.
Sein Körper stürzte auf das Wasser zu, der Wind strich an ihm entlang, der Strudel schien sich zu weiten, um das ankommende Lebewesen mit einem Mal verschlingen zu können. Kurz vor der Wasseroberfläche verschwand Jorii einfach und der Wind blies wieder gegen den Felsen. Die Sonne stand nun steil über der Hütte, das Schreien der Seevögel drang von Ferne heran und das Meer rauschte weiter an den Klippen.
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